Bruttoinlandsprodukt

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Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stellt vereinfacht die Summe aller Einkommen eines Landes dar. Das Bruttosozialprodukt (BSP) bzw. neuerdings "Bruttonationaleinkommen" ist etwas ganz ähnliches. Wir verwenden hier den Begriff BIP bzw. "Volkseinkommen".

  • Das Wirtschaftswachstum wird berechnet als Veränderung des Volkseinkommens.
  • Das so berechnete Wirtschaftswachstum wird von der Politik als Erfolgskriterium benutzt.
  • Dies ist zu blauäugig, denn die Vergleiche des BIP sind letzten Endes nur Vergleiche zweier Geldsummen, durch die man manche Information erhält, niemals aber Einblick in "Nutzen" oder "Befriedigung". Das BIP allein und für sich erlaubt keine Aussagen bezüglich Wohlstand, Lebensqualität oder Gerechtigkeit für und zwischen den Menschen einer Volkswirtschaft.

Es ergeben sich folgende Problematiken:

Inhaltsverzeichnis

Verteilungsproblem

Die Steigerung des BIP ist immer ein Durchschnittswert. Die Verteilung des Wachstums ist dabei sehr unterschiedlich:

Beispiel BIP der BRD 2005

  • Das Volkseinkommen in der BRD stieg zum Vorjahr um 26,2 Mrd. EUR, aber der größte Teil dabei (und die meisten betreffend), die Löhne und Gehälter, sind um 5,6 Mrd. EUR gesunken.
  • Auch die Selbständigen/Unternehmer bekamen nur eine marginale Ecke des Zuwachses ab.
  • Einen extrem überdurchschnittlichen Zuwachs hatten die Vermögenseinkommen (Einkommen aus Kapitalerträgen wie Zinsen, Dividenten oder Mieten+Pacht etc.), welche damit den Gesamtwert ins Plus zogen.
  • Diese Zuwachsraten betreffen damit ausschließlich die Eigner sehr großer Vermögen (Kapital, Grundbesitz etc.), also eine Minderheit. Die Mehrheit hat dagegen einen Einkommensverlust.
  • Dies wird besonders bei der Betrachtung der realen (inflationsbereinigten) Werte deutlich: Absolut gibt es zwar meist eine jährliche Lohnerhöhungen, aber seit den 90er Jahren hinken diese der Inflation hinterher und es kommt zum Reallohnrückgang.
  • Diese Ungleichheit der Verteilung der zusätzlich erwirtschafteten Leistungen nimmt jährlich zu. Verursacher ist hier zum Großteil die Wiederanlage von erwirtschafteten Zinsen und anderer Einkommen aus Vermögen anstatt der Konsumierung dieser Erträge. Beispiel dazu:

Einkommensentwicklung 1991-2006 der BRD

  • Das BIP ist in diesem Zeitraum nominal um 59% gewachsen
  • Die Nettolöhne und -gehälter stiegen lediglich um 26% (inflationsbereinigt sogar um 8% gefallen!).
  • Der Geldvermögensbestand und damit auch die Einkommen aus Geldvermögen stiegen dagegen um 138%. Erhaltene Zinsen wurden also nicht verkonsumiert, sondern wieder angelegt.
  • Die Bedienung der Zinsen (Zinsanteil) von Geldverleihern muss in der Realwirtschaft erwirtschaftet werden. Wenn dies nicht mehr mit Umsatzsteigerungen geht (siehe Unmöglichkeit eines ewigen Wirtschaftswachstum), müssen Kosten gesenkt werden. Dies trifft dann meist u.a. Löhne und Gehälter. Oder das Geld fliesst in spekulative Geschäfte, welche die Margen versprechen. Dadurch kommt es zu Spekulationsblasen die irgendwann platzen müssen (das Platzen der spekulativen Immobilienblase in den USA verursachte die Finanzkrise 2008).

Bewertungsproblem

Neutralität:

  • Für den Wohlstand neutrale Sachverhalte werden positiv im BIP bewertet.
  • Es wird nichts neues produziert oder geleistet, sondern ehemals kostenloses (und damit bisher nicht im BIP erfasstes) wird bewertet und dem BIP zugerechnet.
  • In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verursacht jede Verlagerung von der privaten in die wirtschaftliche Sphäre eine Erhöhung des Volkseinkommens (BIP).

Dienstleistungen: Unsere westlichen Volkswirtschaften sind Dienstleistungsgesellschaften.

  • Dieser "tertiäre Sektor" trägt bereits mehr als 70% zum BIP bei.
  • Viele dieser Aufgaben werden in traditionellen Gesellschaften von der Großfamilie erbracht, während sie in der modernen Gesellschaft professionell geleistet + bezahlt werden und damit das Volkseinkommen (BIP) erhöhen.

Nutzungsrechte/Gemeingüter:

  • In traditionellen Gesellschaften gibt es vor allem in der Landwirtschaft gemeinschaftliches Eigentum (Allmende). Die Nutzung wurde von der Gemeinde geregelt und für die Gemeindemitglieder kostenlos. Somit auch nicht relevant für das BIP.
  • Heutzutage ist der Staat der Träger gewisser kostenloser Gemeingüter wie z.B. Bildung, Wald, Seen, Kultur, Strassen...
  • Aufgrund der klammen Staatskassen werden diese Gemeingüter immer mehr privatisiert. Durch die damit verbundene Bezahlung von ehemals Kostenlosem steigt wieder das BIP ohne unbedingten Mehrwert für die Gesellschaft.

Negativität:

  • Für Wohlstand/Lebensqualität negative Sachverhalte (Katastrophen, Kriege, Umweltverschmutzung) werden positiv im BIP bewertet.

Beispiele:

Beispiel Auswirkung BIP Auswirkung Lebensqualität
Kinderbetreuung: Das Kind wird nicht mehr innerhalb der Großfamilie (Oma) betreut, wenn die Eltern nicht können, sondern von der Tagesmutti. Erhöhung, da zusätzliches Einkommen für die Tagesmutti generiert wird. neutral, evtl. muss mehr gearbeitet (Einkommen erzielt) werden oder anderswo gespart. Es wurde kein realer Wert geschaffen, sondern nur eine Einnahme und Ausgabe-Buchung, die es vorher noch nicht gab.
Wasser: Ein bisher von der Gemeinde kostenlos als Trinkwasser genutzter Fluß wird privatisiert. Die Bürger müssen nun ihr Trinkwasser kaufen.

Analog Waldnutzung: Nutzen des Waldes zum (kostenlosen) Feuerholz sammeln oder jagen. Nach Privatisierung muß Propangas gekauft werden bzw. Lebensmittel.

Erhöhung, da zusätzliches Einkommen für den Wasserverkäufer generiert wird. Höchstens neutral, evtl. muss mehr gearbeitet (Einkommen erzielt) werden oder anderswo gespart. Kein realer Wert geschaffen.
Grundbesitz: Bisher von der Gemeinde kostenlos zur Nutzung überlassenes Gemeindeland wird verkauft. Die Bürger müssen nun für die Benutzung Pacht bezahlen. Erhöhung, da zusätzliches Einkommen für den Pächter generiert wird. neutral, evtl. muss mehr gearbeitet (Einkommen erzielt) werden oder anderswo gespart.
Nationalparks: Bisher kostenlose Nationalparks werden vom Staat mit der Auflage zur Erhaltung des Nationalparks verkauft. Der Eintrittspreis deckt nicht nur die Kosten der nachhaltigen Bewirtschaftung, sondern liefert auch einen Gewinn für den Betreiber. Erhöhung, da zusätzliches Einkommen für den Betreiber generiert wird. neutral
Softwarepatente[1]= Patente auf Ideen: Ist weit mehr als Urheberrecht. Da Ideen immer sehr vage und schwammig sind können Lizenzgebühren fast willkürlich eingeklagt werden oder die Konkurrenz ferngehalten (Innovationsbremse). Erhöhung, da zusätzliches Einkommen durch Lizenzgebühren oder außergerichtliche Zahlungen, Anwälte etc. neutral
Wasser2: Neu angesiedeltes Chemieunternehmen nutzt Fluß zur Entsorgung giftiger Abwässer und verkauft Pestizide. Erhöhung durch Verkauf der Düngemittel negativ: Dorfbewohner am Fluß verlieren Lebensgrundlage (Trinkwasser, Fische), Pestizide mindern Qualität der Lebensmittel, Lärm- und Lichbelastung. Diese negativ-Aspekte werden durch den Mehrertrag der Bauern durch die Pestizid-Nutzung nicht ausgeglichen.
Katastrophen, Unglücke & Kriege: Reinigung von Küstenstreifen nach Tankerunglück, Wiederaufbau einer Stadt nach Erdbeben, Zerstörung einer Stadt durch Bomben. Erhöhung, da zusätzliche Einkommen für reinigende Umweltfirma, Bauunternehmen der Stadt und Rüstungsindustrie (Bombenverkauf) Negativ: Erholungseffekt der Küste, Naturzerstörung, Obdachlose, Tote etc.

Notwendigkeitsproblem

Dank dem steigendem BIP gibt es immer mehr Dinge. Aber brauche ich das alles wirklich? Der "Markt" ist inzwischen kein Spiegel der Bedürfnisse mehr, sondern schafft die Bedürfnisse selbst.

  • Sind alle Pharmaprodukte und Behandlungen wirklich notwendig oder wird hier auch durch das Schüren von Angst verkauft?
  • Alkohol und andere Surrogate lösen keine Probleme, nur die Symptome etc.
  • Da immer mehr verkauft werden muss ([Wachstumsdruck]) sind langlebige Produkte oft kontraproduktiv. Dann lieber öfters neue kaufen?! Also lieber schlechtere Qualität, vor allem bei einem intransparenten Markt oder bei Billigprodukten wo sich nur wenige die Mühe machen zu reklamieren? Es gibt inzwischen Unternehmen, welche Ingenieure bezahlen um die Lebenszeit der hergestellten Produkte auf kurz nach der Garantiezeit zu beschränken.
  • Die profitabelsten (und damit sehr positiv im BIP) Industrien sind: Rüstung, Erdöl+Minen, Prostitution, Pornografie und Drogenhandel.

Korrektur BIP

Da vieles subjektiv oder schlecht kalkulierbar ist, ist es nicht einfach aus dem BIP negative Effekte für die Lebensqualität herauszurechnen. Nach Schätzungen müsste aber inzwischen über 50% des BIP-Wachstums als negativ gewertet werden. Da Lebensqualitätsmerkmale wie z.B.:

  • langfristiger Zustand der Sozialsysteme
  • sozialer Frieden
  • Luftqualität, Erholungsgebiete, natürlichen Ressourcen etc.

nicht im BIP erfasst werden, können alternativ oder zusätzlich zur Einbeziehung dieser Ziele in der Wirtschaftspolitik folgende volkswirtschaftliche Indizes verwendet werden:[2]

  • Gini-Index, ein Maß dafür, wie gleich bzw. ungleich die Einkommens- und Vermögensverteilung in einem Land ist
  • Human Development Index (HDI), gebildet aus dem BNE per capita gemessen in Kaufkraftparität unter Einbeziehung von Lebenserwartung und Bildungsgrad
  • Genuine Progress Indicator (GPI), ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft, das die Nachhaltigkeit von Wachstum abbilden soll. Eine wirtschaftliche Aktivität unter Inkaufnahme von gravierenden Umweltschäden, deren Behebung zukünftige Generationen deutlich mehr kosten wird, als die heutige Bevölkerung von der Aktivität profitiert, wird im BIP als positiv verbucht, im GPI negativ.
  • Index of Sustainable Economic Welfare (ISEW), ein Vorläuferindex des GPI
  • Happy Planet Index (HPI), ein Maß für die ökologische Effizienz der Erzeugung von Zufriedenheit unter Einbeziehung von Lebenszufriedenheit, Lebenserwartung und ökologischem Fußabdruck

Hans Diefenbacher, Wirtschaftswissenschaftler aus Heidelberg, beschäftigt sich seit mitte der 80er Jahre mit einem angemessenerem Messen der Wirtschaftsleistung: Wohlstandsindikator statt BIP

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